Vermasselte Messung des periodischen Fehlers

Gescheiterte Qualitätskontrolle an einer EQM-35 Pro

Vorbereitung ist 90% des Erfolges! Warum halte ich mich dann nicht an diese Regel? Liest man die Anleitungen der Hersteller oder die Ratschläge der KI, dann klingt immer alles so einfach. In unnatürlicher Haltung versuche ich in einer kalten Aprilnacht den Stern ins Fadenkreuz zu bringen. Die KI meint nur, dass man das Guiding einschalten solle bevor man das Guiding deaktiviert. Boah, aber von Anfang an ...

Objektiv(e), Teleskop(e):

Kamera:

Montierung:

Guiding:

Belichtung:


Objekte:


Bildbearbeitung:

Skywatcher Maksutov-Cassegrain 127mm/1.500mm

ZWO662MC

Sywatcher EQM-35 Pro

PHD2

???


Mond im Alter von 8 Tagen


ASI Studio, CaptureOne

Die EQM-35 ist meine Deutsche Montierung für den mobilen Einsatz. Am liebsten möchte ich diese parallaktische Montierung ohne zusätzlichen Computer oder Standalone-Autoguider für die Astrofotografie benutzen. Ohne Guiding sollten trotzdem Belichtungszeiten von 120s mit Brennweiten um 400 mm möglich sein. Dazu ist es natürlich erforderlich den periodischen Fehler der Nachführung zu kennen und durch PEC auf ein Minimum zu reduzieren. Mein Plan für diese Nacht sieht dazu folgenden Ablauf vor:


1.  Aufstellen der Montierung und Einorden mit dem integrierten Polsucherteleskop

2. Ausführung eines 3-Star Alignment

3. Messung und Korrektur des Polaufstellungsfehlers mit Hilfe des SynScan Controllers

4. Messung des unkorrigierten periodischen Fehlers über drei Perioden (3 * 8min = 24 min) mit ZWO662MC und PHD2

5. manuelles, visuelles PE-Training mit langbrennweitigen MAK mit 20 mm Fadenkreuzokular (75-fach)

6. Überprüfung des erfolgreichen PE-Trainings durch erneute Messung über drei Perioden mit ZWO662MC und PHD2


Arbeitsschritt 1 verläuft schnell und problemlos. In dieser Art habe ich das bereits hundertfach absolviert. Polaris sitzt genau auf der richtigen des Messkreises im Polsucherteleskop.


Beim 3-Star Alignment wird es dann schon schwieriger. An Arcturus und Wega ist der Einblick in das Fadenkreuzokular noch günstig. Aber als das Teleskop dann zur Westhälfte des Firmaments schwenkt, muss ich Cappella plötzlich in unnatürlicher Körperhaltung von unten durch das Okular anvisieren, ohne dabei an das Teleskop zu stoßen. Einfach ist das nicht, klappt aber letztendlich. Was tut man nicht alles für ein perfektes Alignment?


Es folgt Schritt Nr. 3. Laut SynScan beträgt der Polaufstellungsfehler in Azimut und Höhe jeweils ca. 30'. Das ist erheblich, aber ich glaube leider der Elektronik mehr als meiner langjährigen Erfahrung. Zur Korrektur wähle ich Regulus im Sternbild Löwe. Montierung fährt Regulus an. Das Goto-Ergebnis ist eher enttäuschend. In fast 1,5° Abstand macht das Teleskop Halt. Als ich den Stern dann endlich ins Fadenkreuz genommen habe, kann es auch schon losgehen. Mit den Justierschrauben der Montierung müssen Elevation und Azimut nacheinander eingestellt werden, nachdem die Steuerung das Teleskop an die Stelle verfahren hat, an der Regulus eigentlich stehen müsste. Ich schaue durch den Polsucher und sehe nichts mehr von Polaris. Das hätte mich stutzig machen sollen. Ich schenke jedoch dem Computer mehr Glauben. Was könnte der schon falsch machen?


Für Schritt 4 muss ich das Fadenkreuzokular durch die Kamera ersetzen. Ich starte PHD2 und sehe zunächst gar nichts außer zwei dicken Staubbrocken auf dem Sensor. Die Fokuslage von Fadenkreuzokular und Kamera scheinen doch weit auseinander zu liegen. Ich kurble wie blöde an dem Knopf, aber kein Stern lässt sich blicken. In einem Akt der Verzweiflung schwenke ich das Teleskop mit Hilfe des SynScan auf den Mond. Diesmal liegt er nur 1° daneben. Jetzt klappt das Fokussieren und diese beiden Bilder der Mondoberfläche entstehen dabei als lunarer Beifang:

Der Schwenk zurück zu Regulus. PHD2 versucht die Nachführung zu kalibrieren. Das Ergebnis sein angeblich zweifelhaft und ich werde gefragt, ob ich trotzdem weitermachen wolle. Na klar! Dabei hatte ich schon ganz vergessen, dass ich die Polachse zuvor völlig verstellt hatte...

Das einzig Erfreuliche zuerst: Auf Anhieb schafft PHD2 ein Guiding mit max. 2" Abweichung. Das war jedoch gar nicht das Ziel. Ich möchte gerade eben nicht guiden und überlege, wie ich die Steuerimpulse an die Montierung ausschalten kann. Ich drücke "Guiding beenden". Das beendet jedoch auch die Aufzeichnung der unkorrigierten Montierungsbewegung.

Nächster Versuch: Das Guiding wieder starten und dann ziehe ich einfach das ST4-Kabel an der Montierung ab. Durch diese winzige Erschütterung verliert die Kamera trotzdem gleich wieder den Leitstern Regulus. Das war nix.

Noch ein Versuch: Jetzt reduziere ich die Aggressivität in R.A. auf 0%. So kommen ja ebenfalls keine Steuerimpulse bei der Montierung an. Regulus wandert aus dem Gesichtsfeld aus, so wie erwartet. Dann aber würde Regulus auch aus dem Kamerasensorfeld auswandern. Mein Computer quittiert diesen Fehler mit ohrenbetäubendem Piepen. Das funktioniert also auch nicht. Wie kann man Aufzeichen ohne zu guiden? Und was meint die KI nur damit, dass man das Guiding einschalten solle bevor man das Guiding deaktiviert.

Mir ist kalt. Die dünne Dauenjacke hilft bei 3°C auch nicht mehr. Um 23:45 Uhr entschließe ich mich diesen Versuch zu beenden.


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Was kann ich daraus lernen?


1. Vertraue dem Polsucher! Der SynScan und das Goto von Skywatcher taugen einfach nichts.

2. Ein 2-Star-Alignment tut es auch.

3. In PHD2 findet man unter Advanced Settings (Gehirn-Symbol) und weiter unter Guiding eine Checkbox: "Guidingbefehle freigeben". Entfernt man diesen Haken,      dann zeichnet PHD2 die Sternposition auf, ohne Guiding-Befehle an die Montierung zu senden.

4. Ach, und unter Advanced Settings / Guiding / Kalibrierung könnte man auch die Teleskopbrennweite korrekt eintragen.

Zing • 25. April 2026