Bergtour - Aiplspitz über den Nordgrat

Der Bergfestigkeitstest

Viktor muss seine Bergtauglichkeit erst noch unter Beweis stellen. Gerne hätte ich dafür etwas Schärferes im Karwendel ausgesucht, doch das Jahr ist schon weit fortgeschritten und die Tage werden kürzer. Irgendwer hatte mir einmal gesteckt, dass der Nordgrat des Aiplspitz als Bergfestigkeitstest taugt ...

Über diese Forststraße müssen wir heute Nachmittag auch wieder zurück nach Hammer. So gemütlich das nun auch sein mag, es wird an den Nerven und der Oberschenkelmuskulatur zehren. Das vergessen wir jetzt aber mal lieber und wir freuen uns, dass sich die Morgennebel verziehen und wir zum ersten Mal den Aiplspitz in Augenschein nehmen können.

Wir bewegen uns auf der Schattenseite des Berges zunächst durch Buchenwald, später dann durch Fichtenwald auf die Weidegründe der Benzingalm zu und erreichen schließlich den Abzweig nach links, der uns weiter nach oben zum Gipfel führt.

geografische Einordnung:


erreichte Gipfel:

weitere Wegepunkte:

Talort(e):


Schwierigkeiten:

Höhendifferenz Aufstieg/Abstieg:

Distanz:


Zeitbedarf inkl. Pausen:

Bayerische Voralpen - Mangfallgebirge


Aiplspitz 1.759 m, Jägerkamp 1.746 m

Benzingalm

Fischbachau Ot. Hammer


Wandern: T4-          Klettern UIAA: I            Klettersteig: -/-           Schneeschuhe: -/-

1.120 m / 1.120 m

16,6 km


06h09m

Jetzt befinden wir in uns bereits T3-Gelände viele Wurzeln und auch einige Felspassagen wollen sicher überwunden werden. Das ist an diesem Morgen jedoch gar nicht so leicht. Alles ist glatt vom Rauhreif. Viktor lernt auch sehr schnell, dass Gummisohle auf mit Rauhreif bedeckter Wurzel keine sichere Verbindung ist. Bei diesen Verhältnissen wird es doch gleich etwas anspruchsvoller.

Die Freude über den ersten Flecken Sonnenlicht, das unseren Weg trifft, könne nicht größer sein. Das kleine bisschen Wärme weckt sofort die Lebensgeister und spornt uns an. Wie sonnig wird es erst oben auf dem Gipfel sein? Der ist ja nur noch 300 Hm entfernt.

Manchmal findet ein Sonnenstrahl seinen Weg direkt bis auf den eisigen Boden. Dann verdunstet der Reif in gespenstisch schönen Schwaden uns sucht sich seinen Weg zum Himmel. Ist Sublimation nicht was Schönes?

Durch einen langen Waldtunnel erreichen wir endlich den Nordgrat. Von hier aus sind es nur noch 200 Hm zum Gipfel. 30 Min zeigt der Wegweiser an und ein weiteres Schild warnt, dass ab hier Schwindelfreiheit und Trittsicherheit erforderlich sind. Dann schaun wir mal, ob wir das auch dabeihaben.

Ein Vorteil ist, dass wir den Weg nicht suchen müssen. Markierungen und sehr deutliche Spuren weisen den Weg nach oben. Außerdem sind wir hier kaum alleine. Einige ganz Eilige lassen wir gerne vorbei. Ich zähle insgesamt drei Kletterstellen im Schwierigkeitsgrad I. Furchtbar ausgesetzt ist es hier nun auch nicht. Wir sind noch weit entfernt vom "Abgrund der Angst". Viktor findet Gefallen an der Sache und hat Spaß dabei. Um seine Bergfestigkeit mache ich mir keine Sorgen mehr.  Am Ende eines langen Schotterbandes stoßen wir dann sogar noch auf ein "Mopsgesicht". Der Weg führt scheinbar geradeaus weiter. Doch auf der linken Seite führen die Markierungen durch etwas brüchigen Fels nach oben und zuletzt zum Gipfel. Also immer Augen auf und wachsam sein!


Die Gipfelrast könnte kaum schöner sein. Sonnenschein und Fernsicht werden kaum von dem Nebel im Tal behindert. Warum mein Kamerad allerdings sechs hartgekochte Eier als Proviant mitführt, erschließt sich mir nicht ganz. Na ja, vielleicht wollen er und seine Frau ja heute noch zum Minigolf ...


Viel zu früh für meinen Geschmack müssen wir schon wieder an den Abstieg denken. Über den ruppigen Westgrat (T3) geht es zunächst hinab zum Tanzeck. Ich verpasse wieder die Chance, oben drüber zu gehen, und weiche auf den markierten und seilversicherten Weg in der kalten Nordflanke aus. Es ist hier schweine-glatt. Einmal rutsche ich sogar aus und die Sonnenblende des Objektivs bekommt einen weiteren Kratzer ab. Aber auch diesen "Eiertanz" bewältigen wir ohne größere Unfälle. Jetzt sind wir wieder im Sonnenschein. Die Bevölkerungsdichte nimmt merklich zu. Das nächste Ziel, der Jägerkamp, ist leicht zu haben und schnell vom Spitzingsee über die Schönfeldhütte zu erreichen. Lange halten wir uns nicht auf diesem Touristengipfel auf. Wir versuchen zu berechnen, welchen Zug wir noch erreichen könnten. Vielleicht verrechnen wir uns dabei auch ein wenig...


Kaum 200 Meter weiter stecken wir schon mitten im Nebel mit Sichtweiten um die 50m. Der Abstieg zur Benzingalm ist zunächst etwas ungemütlich. Alles ist voller Matsch und die Spuren unserer Vorgänger weisen auf längere Rutschpartien hin. Dazu kommt noch, dass man kaum etwas sieht. Erst als wir die Wolkendecke an ihrer Unterseite verlassen wird der Weg gemütlicher. Jetzt ist auch die Matschepampe endlich verschwunden. Mancher mag es ja besonders männlich finden, aber mir gefallen saubere Bergstiefel einfach besser...


Wir geben uns alle Mühe, den Zug um 15:50 Uhr zu erwischen. Es gelingt uns leider nicht. Also müssen wir bis 16:13 Uhr warten, wenn er wieder aus Bayrischzell zurückkommt. Ich Klugscheißer mahne noch an, dass wir hinten einsteigen sollten, weil wir dann später in München ganz vorne sind. Außerdem sollten wir entgegen der Fahrtrichtung sitzen, weil wir dann ab Schliersee eben in Fahrtrichtung sitzen. Dann rollt der Zug endlich auf dem ersten und einzigen Gleis ein. Nur ein Zugteil und der ist bis auf den letzten Sitzplatz vollständig belegt. Wir finden nur noch auf einem schmalen Sims neben der Toilette Platz. Vermutlich befindet sich unter dem Kasten die Umwälzpumpe für die Kacke. Aus diesem Zug steigt so schnell keiner mehr aus, frühestens in Solln vielleicht ...


Zing • 31. Oktober 2026