Buchbesprechung - Ich bin Viele

Dennis E. Taylor "We are legion" 2016/dt. Erstausgabe2018

Taylor schreibt über etwas von dem er Ahnung hat. Als ehemaligem Programmierer fällt es ihm leicht sich in die Gedankenwelt von Bob Johansson zu versetzen, der sich als Vollblutingenieur für eine spätere Kryostase entscheidet. Am gleichen Tag stirbt Bob bei einem Unfall. Als er hundert Jahre später erwacht , tut er das nicht als Mensch. Sein Bewusstsein dient nun als KI einer Raumsonde...

Bob Johansson wird auf einen Erkundungsflug zu ε Eridani geschickt. Natürlich muss er dabei auch zahlreiche Weltraumschlachten bestreiten. Der Gegner ist ein Brasilianer! Bob gewinnt immer. Warum gerade Brasilien zum Hauptfeind erklärt wurde ist mir zwar schleierhaft, weil doch Bolsonaro erst 2019 Präsident wurde, aber sei's drum. Ist mal etwas anderes. Und was finden die SciFi-Autoren neuerdings an ε Eridani nur so spannend?


Der Autor verfolgt nun den Ansatz einer Panspermie  durch sog. Von-Neumann-Sonden. Bobs erzeugt Klone von Bob, das Bobiverse entsteht. Interessant für mich, ist Taylors Idee, dass auch Klone keine exakten Kopien darstellen. So entwickeln sich aus einer Vater-KI unzählige Kind-KI, die sich auch charakterlich unterscheiden und unterschiedliche Vorlieben oder Interessen entwickeln. Wie viele Mutationen mag es beim Kopieren von Daten wohl geben? Ist der Glaube, dass eine Kopie immer eine exakte Entsprechung sein muss, tatsächlich falsch, insbesondere dann wenn es um KI geht? Dennis E. Taylor hat sich mit solchen Fragestellung bereits 2016 auseinandergesetzt, zu einer Zeit, als noch kaum jemand von künstlicher Intelligenz gesprochen hat.


Taylors Anspielungen auf die zeitgenössische Science Fiction hat mich sehr unterhalten. Seine Klone heißen z.B. Riker oder Homer oder ein Doppelplanet wird zu Romulus und Remus. Ich find's lustig, wenngleich eine jüngere Generation, die noch nie Star Trek gesehen hat - ja, das gibt es wirklich - mit diesen Doppeldeutigkeiten wohl weniger anfangen wird. Taylor hat Glück, dass es jetzt noch genügend "Bobs" in seiner Leserschaft gibt.

Ich selbst kann mich sehr gut mit Bob Johansson identifizieren. Ein Ingenieur, der gerne für sich allein ist und Pläne schmiedet, dem jedoch zwischen-menschliche Kommunikation und Auseinandersetzungen, z.T. auch mit seinen eigenen Klonen, zuwider sind. Bestes Zitat dazu: "Menschen mag ich schon, aber die Leute kann ich nicht ausstehen."

Eine Sache, die ich noch in die Arbeit mitnehmen werde, ist: "Bei der Projektplanung geht es nicht darum, Veränderungen zu verhindern, sondern sie zu kontrollieren. Kein Projektplan überlebt den Kontakt mit dem Feind." Da werden sie entweder nicken und es doch anders machen oder einer weiß es viel besser. Vielleicht behalte ich die Einsicht auch für mich.


Übrigens werde ich sogar in diesem Roman erwähnt! S. 427 "Mit einem Zing erschien der Bericht der Bio-Drohnen auf meinem Schreibtisch."


Resümee: Dennis E. Taylors "Ich bin Viele" hat mich irgendwie bewegt. Zusammenhänge sind logisch dargestellt, es gibt eine Menge Ingenieur-Humor, die Aufteilung in verschiedene Handlungsstränge, zwischen denen ständig gewechselt wird, erzeugt Spannung und es gibt eine ganze Menge zu lernen. Schade ist hingegen, dass das Ende jeder Weltraumschlacht vorhersehbar ist und somit die Bobs am Ende immer gewinnen. Einige Cliffhanger wer vermutlich erst in den weiteren Büchern dieser Reihe über das Bobiverse aufgelöst werden können. Zuletzt also doch großer Kommerz und nicht die große Weltliteratur.

Zing vergibt für "Ich bin Viele" 4 von 5 möglichen Lesesternen.

Zing • 4. März 2026