Rügen - Kreideküste

Wälder und Küsten

Das Beste gleich zu Beginn, denn wer weiß schon, wie das Wetter morgen wird. Heute soll es auf dem kürzesten Weg zu zu Rügens berühmter Kreideküste gehen, und danach in einem weiten Bogen entlang der Küste zurück nach Hagen.

Zunächst führt der Weg nach Osten durch den Wald, über die Straße nach Sassnitz hinweg und dann wieder durch Wald. Aber was für ein Wald! So viele Buchen, die sich in einmütiger Gleichheit gerade in den Himmel recken, habe ich noch niemals auf einem Haufen gesehen. An den Farben und Formen der Bäume arbeite ich mich fotografisch ab, ohne schnell vorwärts zu kommen. Eigentlich könnte ich für heute gleich hier bleiben. Die Kreideküste läuft ja nicht weg. Plötzlich beschwert sich jedoch lautstark ein Vogel über meine Anwesenheit. Ich weiche und er ist still. Der Weg senkt sich nun nach unten und nähert sich der Küstenlinie, als ich be-

geografische Einordnung:


erreichte Gipfel:

weitere Wegepunkte:

Talort(e):


Schwierigkeiten:

Höhendifferenz Aufstieg/Abstieg:

Distanz:


Zeitbedarf inkl. Pausen:

Rügen - Jasmund


-/-

Stubbenkammer, Lohme

Hagen


Wandern: T1 & T3 (2 Stellen)     Klettern UIAA: -/-         Klettersteig: -/-         Schneeschuhe: -/-

480 m / 480 m

19,8 km


06h47m

merke, dass die Augenmuschel an der "Dicken Bertha" fehlt. Lohnt sich das Suchen? Soll ich umkehren? Es ginge schließlich auch ohne. Trotzdem kehre ich noch mal um. Ich überklettere erneut den Baum, der quer über dem Weg liegt. Mühsam. Wie weit will ich zurückgehen? Bis nach Hagen etwa? Wie schwer wird es sein, das Ding wiederzufinden, auf dem mit Buchenlaub bedeckten Waldweg? Ich kehre an die Stelle mit dem schimpfenden Vogel zurück. Er fängt auch sofort wieder an mich anzumotzen: "... und nimm Deine scheiß Augenmuschel bloß wieder mit, Du dummer Tourist!" Ich schaue nach unten und da liegt sie, die Augenmuschel.


Nach dieser zusätzlichen 600 Metern Wegstrecke will ich nun keine Zeit mehr verlieren. Laut Navi soll da bald eine dreifache Gabelung auftauchen, von der der rechte Weg direkt zum Kieler Bach führen soll. Da ist sie auch schon, die Gabelung, und wähle den rechten Weg, nur leider nicht den richtigen. Nach ca. 500 m knickt der Weg unvermittelt nach rechts ab. Weiter unten sieht man schon den Wanderweg am Hochufer der Kreideküste. Umkehren? Nein, ich doch nicht. Hundert Meter querfeldein können doch gar nicht so schlimm sein, oder. Doch, können sie. Zunächst harmlose Fußspuren verlieren sich im Gebüsch und man steht unvermittelt vor einem ca. 45° steilen Abhang. Soll ich oder soll ich nicht? Umkehren wäre jetzt irgendwie unschön. Also Augen auf und ganz vorsichtig hinunter. Der Boden ist morastig und bietet kaum Halt (T3). Die letzten Schritte werden immer schneller und ich stolpere in den Morast des Kieler Bachs. Der Wasserpegel ist etwas tiefer als ein Trekkingschuh hoch ist ...


Kieler Bach hat übrigens nichts mit der Stadt Kiel zu tun. 'Kiel' ist vielmehr ein altes Wort für 'Keil' und der Kieler Bach hat nun einmal eine keilartige Vertiefung aus der schönen Kreideküste herausgewaschen. Noch ein paar Meter und ich kann die steile Treppe erreichen, die direkt hinunter zum Strand führt. Die Treppe ist steil und so manche Touristen machen sich hier fast ins Hemd. "Polizei, Polizei, aufwärts hat doch Vorrang!"

Und da stehe ich nun unter der Kreideküste bei Bilderbuchwetter. Nur mit dem ersten gelungenen Wasserfallfoto dieses Jahres komme ich immer noch nicht weiter. Der Kieler Bach, der mir die Schuhe nass gemacht hat, tröpfelt hier nur wie der Pippistrahl aus einem alten Mann. Am Horizont läuft gerade die Hammershus in Sassnitz ein. Trotz Kreideküste wäre ich jetzt lieber auf der anderen Insel ...


Zurück zum Hochufer und dann nach Norden. Es ist recht angenehm im Schatten des Waldes zu wandern und immer wieder die verschiedenen Ausblicke auf die Ostsee zu erleben. Je witer man nach Norden gelangt, desto mehr Leute trifft man an. Kinder weinen, weil sie nicht mehr wollen, Eltern sind genervt, weil sie zu viel wollen. "Kumma Dennis, dat sin nua noch drei Zentimeta aufe Karte." Na hoffentlich ist das mal keine 1:250.000er, die der da hat!


Richtig voll wird es dann bereits an der Victoria-Sicht. Hier muss man schon anstehen, um die kleine Aussichtsplattform betreten zu können. Sehr stressig. Etwas weiter westlich hat man dann sogar einen freien Blick auf die Aussichtsplattform über dem Königstuhl. Das sieht ganz nett aus, aber da werde ich bestimmt nicht hinwollen. Stubbenkammer und der Stachus haben nicht nur das 'S' gemeinsam. Andererseits ist so ein Reisebus aus Stettin voll mit polnischen Touristen auch mal eine ganz nette Milieustudie.


Hinter Stubbenkammer rechts ab und Du hast gleich wieder Deine Ruhe. Hier kann man den Buchenwald und das Hochufer wieder so richtig genießen, wenngleich hier auch nicht mehr alles so spektakulär ist. Das Leuchtfeuer Ranzow gibt es z.B. nicht mehr. Nur der Sockel des Fundaments ist geblieben. Wer den Leuchtturm sehen möchte, muss zum Kap Arkona. Ach, und da war noch der Abstecher über einen schmalen Grat (T3), der dann ohne Aussicht auf das Meer endete. You can't always get what you want, but you must try sometimes!


Es geht abwärts, also nach unten. Der Weg verlässt das Hochufer und führt direkt hinunter an den Strand. Man könnte nun entweder direkt auf dem Strand entlang nach Lohme gehen oder den parallel zum Strand verlaufenden Weg im Wald nehmen. Der Strand ist mit sehr großen Kieseln bedeckt. Die Füße tun weh. Ich wähle den Weg im Wald  und trete erst wieder ans Ufer, als ich den Schwanenstein erreiche. Der Schwanenstein ist ein recht großer Findling. Dahinter kann man schon Kap Arkona erkennen.


Mit Lohme ist ein neuer Tiefpunkt der Wanderung, direkt auf Meereshöhe, erreicht. Ich drücke mich herum und suche nach Fotomotiven, nur um den langen Aufstieg nach Hagen weiter hinauszuzögern. Es hilft aber nicht, irgendwann muss man zurück.


Zing • 6. Juni 2026