The prettiest coast of all

Sonne und Wind

Heute wecken mich das erste Sonnenlicht und so ein seltsames Rauschen noch dem Wecker. Das Rauschen muss ich erst noch einordnen. Regen kann es kaum sein. Nein, es ist ein Sturm! Sonne und Wind, da weiß ich sofort, wo ich heute auf Bornholm hin muss: Nach Hammer Havn zum Wave-Watching! Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß ist, dass dieser Samstag noch so viel mehr zu bieten haben wird.


geografische Einordnung:


erreichte Gipfel:

weitere Wegepunkte:

Talort(e):


Schwierigkeiten:

Höhendifferenz Aufstieg/Abstieg:

Distanz:


Zeitbedarf inkl. Pausen:

Ostsee - Bornholm


-/-

Hammershus, Hammer Havn, Salomons Kapel, Hammer Odde Fyr

Sandvig


Wandern: T2/3             Klettern fb: 4C               Klettersteig: -/-           Schneeschuhe: -/-

362 m / 362 m  +  148 m / 148 m

14,2 km  +  6,7 km


06h44m + 01h53m

Vorbei am Reh


Viele Wanderwege führen von Allinge nach Hammershus. Ich entscheide mich heute für den, der an Hammersholm, dem ehemaligen Schlossbauernhof, vorbeiführt. Das Sammeln von GPS-Tracks und Linien auf der Karte werde ich mir wohl nicht mehr abgewöhnen können.


Immer wieder weiche ich nach links oder rechts vom Weg ab, um zu prüfen, dass mir auch ja kein Fotomotiv entgeht. Einmal trete ich dabei aus dem Wald auf eine Herbstwiese. Der Ausblick war den Abstecher nicht wert, aber keine 20 Meter entfernt döst ein Reh im hohen Gras. Der Sturmwind steht günstig. Es schaut mich an. Ich schaue das Reh an. Dann fotografiere ich. Das Reh döst weiter und ich ziehe mich vorsichtig zurück, um den Augenblick noch ein wenig zu dehnen.

Hammerhus


Man sollte meinen, dass es hier für mich nichts mehr zu fotografieren gäbe. Im vergangenen Jahr habe ich das Schloss ca. 250 Mal abgelichtet. Doch dem ist nicht so.

Ich wandere über den Hügel und da steht Hammershus vor mir. Der Auslöser schnappt zum ersten Mal auf und zu. Fast eineinhalb Stunden werde ich hier verbringen, genauso lange, bis die ersten Tagestouristen in die Schlossanlage fluten und mir dauernd durchs Bild laufen.

Das Fuji Pro 400H JPEG-Rezept ist anspruchsvoll. Die Belichtung muss exakt gewählt werden. Dieses JPEG-Rezept liefert nicht so viel Spielraum wie andere Rezepte. Pro 400H benötigt Kontraste. Mit der Sonne im Rücken liefert recht fade Bilder. Das Licht muss von der Seite kommen, damit das Spiel aus Licht und Schatten zur Geltung kommen kann. Ganz besonders interessant wird das Pro-400H-Rezept jedoch im Gegenlicht.

Was diese Bilder kaum vermitteln, sind die Auswirkungen des Sturm. Es ist sehr anstrengend die Kamera waagerecht und ruhig zu halten. Manchmal muss man fürchten, dass einem das wertvolle Werkzeug einfach aus der Hand geweht wird. Im. Sturmwind fühlt sich auch alles viel kälter an. Vermutlich bemerke ich deshalb nicht, wie sich der Sonnenbrand auf meinem Gesicht ausbreitet.

Wave-Watching mit Regenbogen in Hammer Havn


Das Spiel der Wellen beginnt bereits bei den zwei großen Findlingen in der Nähe der südlichen Hafenmauer. Wechselweise bekommen beide ihre Dusche ab.

Hohe Wellen strömen unaufhörlich in die Hafeneinfahrt ein. Segler werden den Hafen heute vermutlich kaum verlassen. Sie müssten gegen den Wind durch das Nadelöhr der Hafeneinfahrt kreuzen und würden bei jedem Brecher zurückgeworfen.

Dann wende ich mich dem großen Felssporn im Norden des Hafens zu. Die Gischt spritzt hier mitunter 10 Meter in die Höhe. Dennoch ist die Begeisterung nicht so groß, wie vor einem Jahr. Woran liegt das? Im letzten Jahr waren mehr Wolken am Himmel. Heute scheint die Sonne ungehindert von einem strahlend blauen Himmel. Die Kontraste zwischen Gischt und schwarzen Felsen sind einfach zu groß.

Ich probiere es einfach mal von oben. Das will zunächst auch nicht so recht funktionieren. Da spricht mich eine hübsche, blonde Frau an 😳, auf Dänisch!

Sie erzählt etwas von 'Regn' und 'Bølge'. Regen und Welle???

Sie kann es auch auf Englisch sagen: "Every now and then, when the waves crash against the rocks, you can see the most beautiful rainbow from that spot over there!" "Tusen takk!"

Die allerschönste Küstenwanderung


In den letzten 12 Monaten musste ich immer wieder an den Wanderweg entlang der Küste von Hammer denken. Es sind die Farben, das Licht und der Klang der Ostsee, wenn sie auf den Granit trifft, die diesen Abschnitt zur allerschönsten Küstenlinie im gesamten Ostseeraum, wenn nicht sogar der ganzen Welt, machen.

Das Meer gibt heute alles. Heute steht die Ostsee im Mittelpunkt. Sie tost und faucht, überspült Felsen und Findlinge ohne Unterlass und spielt ein anhaltendes Lied mit wechselnden Rhythmen. Ich versuche mich darin, die schönsten Wellen vorherzusehen, scheitere jedoch am Einfallsreichtum von Wind und See.

Scheitern, das ist auch das Stichwort, als ich Salomons Kapel wieder erreiche. Mir ist es bisher nicht gelungen, die Ruine angemessen im Bild festzuhalten. Auch heute wird es nicht gelingen. Ich beginne daran zu zweifeln, dass "das" Foto von diesen Gemäuern überhaupt möglich ist. Vielleicht muss einige Aufgaben einfach unerledigt lassen oder abhaken. Mit manchen Dingen sollte man sich nicht zu sehr aufhalten. Lieber vorwärts und weiter zum Hammer Odde Fyr.

Mondquallen


Eigentlich kraxle ich nur auf einen Felsen im Meer, um einen besseren Blick auf die Vögel und Allinge zu erhaschen. Als ich darauf achte, bloß nicht mit den guten Wanderstiefeln ins aggressive Salzwasser abzurutschen, erkenne ich ein schleierhaftes Wesen, dass sich träge und doch anmutig durchs flache Wasser bewegt: Eine Qualle! Und dann noch eine und weitere, das hört gar nicht auf. Google wird mir gleich verraten, dass es sich um Mondquallen handelt. Die sind für Menschen ungefährlich. Ein von den Quallen gehört jedoch nicht dazu. Die Meereswallnuss passt nicht in die Bildreihe, ja sie ist nicht einmal eine richtige Qualle.

Als ich zurück im Appartement bin, glaube ich zunächst die Heizung ange-lassen zu haben. Im Spiegel erkenne ich dann jedoch, was Sonne, Wind und Meer mit meinem Gesicht angestellt haben ...

Auf der Suche nach dem Boulder


Ich habe heute einen Boulder entdeckt, der mir einfach keine Ruhe lässt. Am späten Nachmittag breche ich deshalb noch einmal auf. Auf kürzestem Weg überquere ich Hammer und muss mich dann an Salomons Kapel erinnern, ob der Klotz nun südlich oder nördlich davon stand. Ich wandere nach Süden. Landschaftlich sehr schön. Nur den Felsen finde ich nicht.

Ich zweifle bereits und gebe ca. 1 km vor Hammer Havn auf. Wahrscheinlich hab ich mir das nur eingebildet. In der Abendsonne umrunde ich die Halbinsel erneut. Ca. 300m nördlich von Salomons Kapel finde ich dann meinen per-sönlichen Glücks-Boulder wieder. Die Sonne steht schon tief, aber für eine halbe Stunde Bouldern reicht es noch. Ich absolviere insgesamt fünf Routen, die sich im Schwierigkeitsbereich von fb3A bis fb4C bewegen. Der böige Wind wird zur alpinen Gefahr. "Abfliegen" bekommt im Kletterjargon nun ein ganz neue Bedeutung ...


Zing • 5. September 2026